Montag, 25. April 2016

Senftenberg und die Lausitz - immer eine Reise wert






So war es auch am letzten Wochenende vom 22. bis 24. April 2016 wieder. Da eröffneten am Freitagnachmittag im Theater "Neue Bühne" der Clubleiter der Senftenberger Videofilmer, Jürgen Haase, Festivalleiter Michael Franke und Schirmherr Andreas Friedrich, Bürgermeister der Stadt, zum 8. Mal die Internationalen Senftenberger Kurzfilmtage.
Sie standen diesmal unter dem Motto „Deutschland erleben“, und das hieß: Sehen, hören, schmecken, genießen und empfinden.
Und weil die Senftenberger Filmer schon oft beim tschechischen Humorfestival HAF (Humor im Amateurfilm) erfolgreich teilnahmen, hatten sie in diesem Jahr zum ersten Mal eine Delegation aus Tanvald als Ehrengäste eingeladen. Es kamen der Bürgermeister der Stadt, Mgr. Vladimír Vyhnálek, sein Stellvertreter, Mgr. Antonín Bělonožník, die Organisatorin des dortigen Festivals, Frau Anna Liskova, sowie Lenka Hájková, Tanvaldský zpravodaj (Tanvalder Zeitung) und Mitglied der Jury HAF.
Nach einem kurzen filmischen Rückblick auf die Kurzfilmtage von 2015, hergestellt von Andreas Ristau und Carola Terno (die Langfassung konnte man in der Pause im Foyer sehen), begann der Wettbewerb.


22 Filme zeigten am Freitagabend und Sonnabend in Dokus, Reportagen, Spielfilm und Videoclips nicht nur Deutschlands Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Tierwelt, sondern auch Sitten und Bräuche, Lebensabschnitte und Befindlichkeiten. 


Von Helgoland, über Dortmund, das Tegeler Fließtal, den Kyffhäuser ging es bis ins Altmühltal. Mit einer Kreuzberger Jugendgruppe mit Migrationshintergrund erfuhren
wir Wissens- und Sehenswertes aus dem Spreewald. Sorbische Osterbräuche, die Montage eines Riesen von Windkraftanlage sowie das Geschehen vor, auf und hinter dem Senftenberger Amphitheater haben uns Vieles nähergebracht und unseren Horizont erweitert.
Viel Spaß hatten wir an dem phantasievollen und wundersamen Weltgeschehen an und in einem 80 m langen Bach sowie an der Beziehung zwischen einem Jungen und Mädchen anhand von Sprichwörtern.
Wir konnten einen Schuhmacher beobachten und den Sieg einer Marimbaspielerin bei „Wetten das?“ und ihren weiteren Werdegang zur Komponistin erfahren sowie zwei ihrer Stücke verfilmt sehen.
Wir sahen, dass soziale Netzwerke auch asozial sein können. Und wir erlebten die begeisterten deutschen Fußballfans bei der WM 2014 in Brasilien.
In einer Langzeitproduktion beantworteten 2006, 2010 und 2014 Zirkuskinder Fragen zu ihrer beruflichen Entwicklung.
Ein syrischer Flüchtling schildert seine Verhaftung, seine Gefängniszeit und Flucht nach Deutschland sowie das Wiedersehen mit seiner Frau und meint, das Schlimmste am Krieg sei die Trennung von Liebenden.
Die jüngste Autorin ließ uns an der Vorbereitung und Durchführung der sorbischen Vogelhochzeit in einem Kindergarten teilhaben.


Alles in allem ein interessantes und sehr vielseitiges Filmprogramm.
Durch das Programm führte wie immer mit seiner charmanten und humorvollen Art der Festivalleiter Michael Franke. Mit kleinen Informationen und auf einer großen Deutschlandkarte gab er uns auch geografische Nachhilfe zu den Orten, wo die Autoren herkommen.
Somit hatte die Jury die nicht leichte Aufgabe, die Sieger der drei Lausitzer Findlinge zu küren.

Maren Simoneit, Dramaturgin am Senftenberger Theater, Dr. Klausjörg Herrmann, Trickfilmer und Filmwissenschaftler aus Kreischa sowie Rainer Hässelbarth, seit 43 Jahren Clubleiter des ars cinema berlin, nominierten folgende Filme:


  • Helgoland von Elke Eckardt aus Freiberg 
  • Verlieren von Manfred Hennig, Maasdorf
  • S.I.R.I.N. von Malte Füllgrabe und Konstantin Reinhart aus Braunschweig
    Senftenberger Findlinge
  • Die Reise von Angela Schuster aus Hoyerswerda
  • Sorbische Ostern von Dr. Frank Dietrich, Senftenberg
  • Eldorado im rostigen Strom von Manfred Riep, Dortmund
Die Gewinner der Lausitzer Findlinge wurden:
Elke Eckardt mit „Helgoland“
  • Gold: Manfred Riep mit „Eldorado im rostigen Strom“
  • Silber: Elke Eckardt mit „Helgoland“
  • Bronze: Angela Schuster mit „Die Reise“   
Manfred Riep konnte leider nicht anreisen, da an diesem Wochenende gleich mehrere Bundesfilmfestivals stattfanden.




Einen Ehrenpreis erhielten:
-        Stefan Gabel aus Gera für „Die Kinder des Zirkus Sperlich“, sowie „Krieg“ und „Afrika“ bei den Minutenfilmen
-        Andreas Ristau für seine Dokumentation von den Kurzfilmtagen 2015



Am Sonnabend begrüßte zunächst der Intendant der Neuen Bühne, Manuel Soubeyrand die Zuschauer und meinte, dass es wichtig ist, immer nachzudenken, was im Land passiert und sich damit auseinander zu setzen. Der Bürgermeister der Stadt Tanvald, Vladimir Vyhnalek, bedankte sich für die Einladung, die sie sehr gern angenommen haben.
Nach dem uns Julian Richter (12) und Benedikt Scheel (14) mit drei Musikstücken auf der Gitarre erfreuten, beide lernen und spielen seit 7 Jahren dieses Instrument und belegten bei Landeswettbewerben bereits zweimal 2. Plätze, begann mit der 1. Runde der 23. Deutschen Minutenwettbewerb. Die 39 eingereichten Filme liefen in der am Vortag ausgelosten Reihenfolge und wurden von den Zuschauern mit 1 bis 5 Punkten bewertet, um daraus die besten 16 für das k.o.-System am späten Nachmittag beim Finale zu ermitteln.


Für die diesjährigen Deutschen Filmfestspiele Obelisk - früher hieß die Veranstaltung DAFF, da konnte man sich darunter etwas vorstellen - haben sich folgende Filme mit der Stimme des Publikums qualifiziert:


  • „Petri Heil“ von Helmut Savini, Rain
  • „Brei für Zwei“ von Leopold Blümel, Fantasia Dresden
  • „Die Schwarze Pumpe“ von Dr. Frank Dietrich, Senftenberg
  • „Dienst nach Vorschrift“ von Videofilmer Senftenberg
  • „Disziplin und solidarischer Gehorsam“ von Karl Heinz Schmidt, Bad Friedrichshall
  • „Ein schlauer Esel“ von Gerhard Jagow, Hamburg
  • „Herren unter sich“ von Andreas Schwarze, Dresden
  • „Sie wissen alles über uns“ von Dr. Frank Dietrich, Senftenberg

In der weiteren Wertung erhielten die Medaillen des BDFA:
In Bronze: „Die Herren unter sich“ und „Ein schlauer Esel“
In Silber: „Dienst nach Vorschrift“
In Gold: „Sie wissen alles über uns“



Für den Kunstpreis der Videofilmer Senftenberg für einen Minutenfilm nominierte die Jury:
„Petri Heil“, „Brei für Zwei“ und „Die Schwarze Pumpe“.
Gewinner wurde: „Brei für Zwei“

Allen Ausgezeichneten herzlichen Glückwunsch.

Doch Senftenberger Kurzfilmtage sind mehr als Film. Sind vor allem auch musikalische Unterhaltung und Überraschungen.

Am Sonnabendabend fühlten sich viele Teilnehmer um Jahrzehnte jünger, als im Rangfoyer Jan Schönberg als Elvis-Double auftrat.  Begeistert sangen und klatschten wir mit und stellten Fragen zu Elvis Presley, der von 1958 einen zweijährigen Militärdienst in Friedberg bei Bad Nauheim (Hessen) ableistete. Dieser Auftritt war möglich, weil Jan am hiesigen Theater als Gast schauspielert oder choreografiert für Kampfszenen, denn er ist eigentlich Kampfsportlehrer in seiner
Geburtsstadt Finsterwalde. Doch auch als Elvis hat er uns von seinem Können überzeugt.


Jurymitglied Dr. Klausjörg Herrmann erzählte uns am Freitagabend wie er zum Film kam.  Er wollte nach der Schule etwas lernen, wo er am Abend sieht, was er gemacht hat. So wurde er Tischler und bastelte nebenbei Puppen, mit denen er Geschichten erzählte. Mit 17 Jahren kaufte er sich auf Raten eine Pentaka 8 und sein 1. Film war „Die Prise“ nach Wilhelm Busch, mit dem er am Bezirksleistungsvergleich teilnahm. Nach Abendschule fürs Abitur, Filmhochschule, Humboldt-Uni wurde er Doktor der Filmwissenschaften, Spezialgebiet Animationsfilm. Bis 1982 arbeitete er im DEFA-Trickfilmstudio und produzierte 24 Filme für den Abendgruß des Sandmännchens. Seine Vorliebe sind die Silhouettenfilme, weil mit diesen Figuren, die er selbst herstellte, elegante Bewegungen möglich sind. Ziel der Animation ist, menschliche Eigenschaften und Probleme mit nicht menschlichen Darstellern und ohne Sprache zu zeigen.
Sehr interessant war zu erfahren, dass der Begriff auf den französischen Finanzminister Etienne de Silhouette aus dem 18. Jh. zurückgeht. Er ließ aus Geiz sein Schloss mit billigen Scherenschnitten schmücken, weil Ölbilder zu teuer waren. Doch der Silhouettenfilm ist eine deutsche Kreation.


Der besondere Ort zur Siegerehrung am Sonntagmorgen mit Überraschung waren diesmal die IBA-Terrassen am Großräschener See. Hier, wo heute ein See mit Weinberg ist, waren wir schon einmal in den 90er Jahren, da standen wir oben am Hang sahen tief unter uns die Riesenbagger Braunkohle abbauen. Wie sich die Zeiten ändern.
Ein Film, der von den Videofilmern Senftenberg hergestellt wurde, zeigt uns den langen Weg zum Wein. 12 Tonnen unterschiedliches Material wurden am Hang verarbeitet. 1000 Pfähle und 5000 Rebstöcke wurden teils per Hand und teils mit Maschine am mit 33% steilsten Weinberg in Brandenburg gesetzt.
Winzer Dr. Andreas Wobar ergänzt was sonst noch alles notwendig ist, um einen guten Wein zu erhalten. Drei pilzwiderstandsfähige Rebsorten sind auf dem lehm- und tonhaltigen Untergrund angebaut. Es sind die Neuzüchtungen Solaris, Pinotin und Cabernet Blanc. Am 22. August 2014 wurde zum 1. Mal Weißwein und im September der Rotwein gelesen, der im Weingut Proschwitz weiterverarbeitet wurde. 2015 konnte man den ersten in Flaschen kaufen.
Wir durften den fruchtigen mit leichter Muskatnote Weißwein Solaris und den noch jungen Rotwein Pinotin kosten. Ich war von beiden begeistert und konnte nicht umhin – wie so manch anderer – ein paar Flaschen für Hause zu kaufen.
Im Namen der tschechischen Delegation bedankte sich der Bürgermeister von Tanvald, Vladimir Vyhnalek, noch einmal. Es hat ihnen sehr gut gefallen, und er lädt alle Filmer mit ihren Werken zum Humorfestival HAF am 8. Oktober 2016 ein. Es ist Platz genug. Das meint auch die Organisatorin Anna Liskova, die auch als Dolmetscherin fungierte.
Auch für mich waren diese Tage wieder sehr wertvoll. Dafür dem Senftenberger Clubteam „Ein Hoch“ bis zum nächsten Jahr mit sicher wieder einem interessanten Filmthema.



Uschi Wicke

ars cinema berlin


alle Bilder: Jürgen Haase, Videofilmer Senftenberg
 

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